Cannabis in der Medizin

Cannabis in der Medizin

Indikationen
Verord­nung
Darrei­chungs­formen / Dosie­rung
Neben­wir­kun­gen

Ein aktueller wissenschaftlicher Report zu Cannabis als Medizin arbeitet die bisherige Studienlage auf. Er kommt zu dem Ergebnis, dass folgende Krankheiten und Anwendungsbereiche eine denkbare Indikation für eine Therapie mit medizinischem Cannabis darstellen: 

  • chronische Schmerzen,
  • Spastizität bei Multipler Sklerose und Paraplegie,
  • Epilepsie,
  • Übelkeit und Erbrechen nach Chemotherapie sowie
  • Appetitsteigerung bei HIV/AIDS. 

Mögliche Indikationen für Medizinal-Cannabis sind demnach

  • Angststörungen,
  • Schlafstörungen,
  • Tourette-Syndrom und
  • ADHS – auch wenn dazu kaum wissenschaftliche Belege vorliegen.

Keine Wirksamkeit von Cannabis besteht hingegen bei den Indikationen

  • Depressionen,
  • Psychosen,
  • Demenz,
  • Glaukom und
  • Darmerkrankungen.

Weitere Informationen zu einzelnen Krankheiten und Anwendungsbereichen:

Übelkeit

Häufig belasten Übelkeit und Erbrechen Krebspatienten während einer Chemotherapie. Entsprechend intensiv ist auch die Forschung dazu.

Seit den 1970er Jahren wird die Rolle von Cannabinoiden in diesem Zusammenhang wissenschaftlich beobachtet, denn ihre Wirkmechanismen unterscheiden sich von konventionellen Antiemetika (Medikamente zur Unterdrückung von Übelkeit und Brechreiz).

Doch auch in Übersichtsstudien zur bisherigen Forschungslage bleiben Unklarheiten: Während einige Autoren medizinischem Cannabis eine wissenschaftlich belegte Wirkung (Evidenz) bei Übelkeit durch Chemotherapie zuschreiben, können andere die Therapie mit Cannabinoiden bisher nicht empfehlen. Sie betonen, dass aktuell sicherere und wirksamere Antiemetika gegen Übelkeit und Erbrechen nach Chemotherapie verfügbar sind. 

Schmerzen

Die Analyse verschiedener systematischer Übersichtsarbeiten zu medizinischem Cannabis bei Schmerzen offenbaren noch einige Unsicherheiten. Am ehesten wissenschaftlich belegt ist die Wirkung bei neuropathischen Schmerzen (auch: Nervenschmerzen). 
Außerdem scheint Cannabis als Medizin bei krebsbedingten Schmerzen einer Placebobehandlung überlegen zu sein.

Eine Übersichtsarbeit zu Schmerzen bei Multipler Sklerose von 2017 konnte keine statistisch signifikanten Unterschiede gegenüber einer Placebobehandlung nachweisen. Es liegen jedoch insgesamt zu wenige Studien vor, um eindeutige Empfehlungen ableiten zu können.

Bei akuten postoperativen Schmerzen lässt sich kein größerer Nutzen von Medizinal-Cannabis gegenüber Placebos feststellen.

Mehrere neuere Metastudien betonen, dass Langzeitstudien zur Sicherheit und Wirksamkeit von Cannabis als Medizin sowie zur optimalen Dosierung bei neuropathischen Schmerzen notwendig sind.

Fibromyalgie, muskuloskelettale Schmerzen und rheumatoide Arthritis

Die Studienlage zum Einsatz von Cannabinoiden bei Fibromyalgie, muskuloskelettalen Schmerzen, rheumatoider Arthritis und tumorbedingten Schmerzen ist aktuell noch so dünn, dass ein wissenschaftlicher Beleg der Wirksamkeit nicht erbracht ist. Die bisherigen Ergebnisse gehen auf Studien mit eher kleinen Patientengruppen von 23 bis 50 Patienten pro Studie und kurzfristige Untersuchungszeiträume zurück. 

Manche Studien empfehlen zwar den Einsatz von Cannabinoiden im Schmerzmanagement und in der Palliativmedizin als individuellen Therapieversuch, weisen aber auf Nebenwirkungen wie Schwindel, Verwirrung oder Psychosen hin.

Verkrampfungen/Spastizität

Die Wirksamkeit von Medizinal-Cannabis bei Spastizität (in Folge von Multipler Sklerose oder Paraplegie) konnte für die bisher untersuchten Arzneimittel zumindest mit objektivierbaren Prüfkriterien nicht belegt werden. Die Belege stützen sich deshalb auf eine eher subjektiv empfundene Wirkung.

Eine Zusammenfassung bereits vorliegender Übersichtsarbeiten zu medizinischem Cannabis bei Spastizität kommt zu dem Ergebnis, dass 30 Prozent der Patienten (vorwiegend mit Multipler Sklerose) nach der Therapie von einer Linderung der Symptome sowie etwa die Hälfte von einer als positiv empfundenen allgemeinen Veränderung berichteten.  Bei den Patienten, die Placebos bekommen hatten, fühlten sich nur etwa 35 Prozent besser. Allerdings wird die Differenz auch der euphorisierenden oder sedierenden Wirkung von medizinischem Cannabis zugeschrieben.

Die Studienlage zur Wirkung von Cannabinoiden bei Krampfanfällen im Rahmen einer Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) ist nicht ausreichend, um gesicherte Ergebnisse zu benennen.

Epilepsie

Nach vielversprechenden Berichten über die Wirkung von Cannabis in einzelnen Fällen nahm das Interesse an einer Behandlung von Epilepsie mit Cannabis während des letzten Jahrzehnts zu. Allerdings gestaltete sich die Entwicklung einer geeigneten Rezeptur für die orale Einnahme als schwierig. Zudem können Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln vorliegen.

Trotzdem unterstützen aktuelle Studienergebnisse die Wirksamkeit von Cannabinoiden bei Dravet- und Lennox-Gastaut-Syndromen. Zudem sind weitere methodisch hochwertige Studien zu Cannabis bei fokalen Epilepsien noch nicht abgeschlossen. 

Depressionen und Angst

Die Studienlage zur Behandlung von Depressionen mit medizinischem Cannabis ist aktuell sehr dürftig. Zwar zeigen diese Studien öfter eine Überlegenheit von Cannabinoiden gegenüber Placebos, doch diesen wenigen Studien liegt insgesamt ein eher erhöhtes Risiko für eine Verzerrung der Ergebnisse vor.

ADHS

Bisher liegen nur sehr wenige Forschungsergebnisse zu Cannabis als Medizin bei Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) vor. Vor allem sind Erfahrungsberichte publiziert worden. Eine Fallstudie zeigte beispielsweise, dass sich ein Patient mit einer starken ADHS-Symptomatik (unangemessenes Verhalten, Unaufmerksamkeit) nach THC-Konsum unauffällig verhalten konnte.

Eine randomisierte experimentelle Pilotstudie untersuchte bei 30 Erwachsenen mit ADHS die Wirkung des Medikaments Sativex® gegenüber Placebo. Die Ergebnisse zur kognitiven Leistung und zum Aktivitätslevel der Patienten unterschieden sich dabei nicht signifikant.

Die Symptome Hyperaktivität und Impulsivität dagegen verbesserten sich in der Sativex®-Gruppe.

Es werden aber noch weitere Studien benötigt, um eine mögliche Wirkung von Cannabis auf die Symptome von ADHS bei Erwachsenen zu belegen. Außerdem wird die zukünftige Forschung Erkenntnisse zum endocannabinoiden System und ADHS liefern müssen. 

Appetitsteigerung bei HIV/AIDS und Krebspatienten

Bei HIV/AIDS weisen einige Studien auf eine leicht gewichtsstimulierende Wirkung von medizinischem Cannabis hin. Einzelstudien zeigen auch bei palliativ behandelten Krebspatienten eine leichte Steigerung des Appetits, die gegenüber Placebo jedoch nicht signifikant waren. 

Eine aktuelle Übersichtsarbeit kommt zu dem Ergebnis, dass noch keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege für den Einsatz von Cannabinoiden bei Appetitverlust von HIV/AIDS- oder Krebspatienten vorliegen. Bisherige Studien umfassen eher kurze Beobachtungszeiträume bei kleinen Patientengruppen. 

Darmerkrankungen

Zum Einsatz von medizinischem Cannabis bei Darmerkrankungen liegen nur wenige Studien vor. Ausreichende wissenschaftliche Belege dafür, dass sich die primären Beschwerden bei Morbus Crohn oder dem Reizdarmsyndrom durch medizinisches Cannabis verbessern, existieren noch nicht.

Schlafstörungen

Die Wirkung von medizinischem Cannabis auf Schlafstörungen war bislang nicht Hauptgegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Vereinzelt haben Studien – beispielsweise zu Medizinal-Cannabis bei Schmerzen – die Wirkung auf den Schlaf als sekundären Parameter erfasst. Dabei konnte jedoch nicht nachgewiesen werden, dass medizinisches Cannabis bei gestörtem Schlaf wirkt. Allenfalls kann die Rede von einem möglichen Nutzen sein.

Tourette-Syndrom

Es existieren vereinzelte Studien, die einen signifikanten Zusammenhang von verminderter Tic-Intensität bei Patienten mit dem Tourette-Syndrom und der Gabe von Medizinal-Cannabis herstellen.

Es sind jedoch Studien mit größeren Patientenzahlen und längeren Behandlungszeiträumen sowie mit einem direkten Vergleich verschiedener Cannabinoide nötig, um Wirksamkeit und Sicherheit differenzierter zu belegen. 

Psychosen

Es liegen keine belastbaren Studien vor, die eine Wirksamkeit von Cannabis als Medizin bei Psychose-Symptomatik zeigen.

Schizophrenie

Vorläufige Daten zur Wirksamkeit von Medizinal-Cannabis bei Schizophrenie scheinen vielversprechend. Dabei geht es speziell um den Wirkstoff Cannabidiol (CBD).

Während der langfristige Konsum von Cannabis als Risikofaktor für Schizophrenie gilt, scheint CBD keine psychedelische Wirkung zu besitzen.

Fallstudien deuten darauf hin, dass die antipsychotische Wirkung von CBD bei akuter Schizophrenie vergleichbar ist mit der Wirkung des Neuroleptikums Amisulprid – dabei jedoch weniger Nebenwirkungen zeigt. Trotzdem werden weitere groß angelegte klinische Studien benötigt, um die Wirksamkeit und Sicherheit von CBD bei Schizophrenie zu untersuchen. 

Demenz

Zur Wirksamkeit von Cannabinoiden bei Symptomen von Demenz liegen aktuell keine wissenschaftlichen Belege vor. Eine systematische Übersichtsarbeit zu diesem Thema etwa betont den dringenden Bedarf an entsprechenden Studien.

Glaukom

Zur Wirksamkeit von Medizinal-Cannabis bei Glaukom ist die Studienlage sehr dünn und gibt keinen Hinweis darauf, dass die Gabe von cannabinoid-haltigen Substanzen den Augeninnendruck anders beeinflusst als Placebos.

Mit der neuen Gesetzeslage ist das bisherige Verfahren hinfällig. Bislang brauchten schwerkranke Patienten, die in engen Ausnahmefällen Medizinal-Cannabis erhalten sollten, eine Ausnahmeerlaubnis der Bundesopiumstelle im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Die Kosten für die Therapie haben die Patienten selbst getragen. 

Auch die zuvor schon verschreibungsfähigen, zugelassenen cannabishaltigen Arzneimittel können in Deutschland weiter verordnet werden. Im Gesetz heißt es, dass Patienten mit einer schwerwiegenden Erkrankung Anspruch auf Versorgung mit Cannabis “in Form von getrockneten Blüten oder Extrakten in standardisierter Qualität und auf Versorgung mit Arzneimitteln mit den Wirkstoffen Dronabinol oder Nabilon” haben. 

Die Arzneimittel Sativex® und Canemes® fallen dann unter das neue Gesetz, wenn sie außerhalb der für sie festgelegten Anwendungsgebiete verordnet werden.

Indikationen werden nicht genannt 

Bei welchen Indikationen Cannabis als Medizin verordnet werden darf, ist gesetzlich nicht festgelegt. Wörtlich heißt es: Cannabisblüten und -extrakte können dann verordnet werden, 

  • wenn “eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistung im Einzelfall nicht zur Verfügung steht” oder 
  • wenn diese Leistung “im Einzelfall nach der begründeten Einschätzung des behandelnden Vertragsarztes unter Abwägung der zu erwartenden Nebenwirkungen und unter Berücksichtigung des Krankheitszustandes der oder des Versicherten nicht zur Anwendung kommen kann”. 

Eine Therapie mit Cannabis ist demnach auch dann möglich, wenn ein Patient noch nicht mit allen theoretisch zur Verfügung stehenden Maßnahmen behandelt wurde.

Höchstmengen sind festgelegt

Welche Mengen an Medizinal-Cannabis verordnet werden dürfen, ist gesetzlich geregelt. Laut Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtMVV), § 2 Absatz 1, müssen Ärzte festgesetzte Höchstmengen einhalten. Innerhalb von 30 Tagen dürfen sie für einen Patienten bis zu 100.000 Milligramm (also 100 Gramm) Cannabis in Form getrockneter Blüten oder alternativ bis zu 1.000 Milligramm Cannabisextrakt (bezogen auf den Delta-9-THC-Gehalt) verschreiben.

Ausnahmen sind in begründeten Einzelfällen möglich, wenn ein Patient unter Dauerbehandlung steht und die erforderliche Sicherheit des Betäubungsmittelverkehrs eingehalten wird. Eine solche Ausnahme wird auf dem Rezept mit dem Buchstaben A kenntlich gemacht.

Das Gesetz legt zwar die Höchstmenge für medizinisches Cannabis fest, nicht aber den maximalen Wirkstoffgehalt. Dieser kann aufgrund der unterschiedlichen Cannabissorten stark schwanken. Auf dem Rezept müssen deshalb sowohl die Menge als auch die Cannabissorte verzeichnet sein.

Cannabissorten aus dem Ausland

Aktuell können Ärzte ihren Patienten 13 unterschiedliche Sorten Cannabis verordnen, die alle aus dem Ausland importiert werden müssen. Sie stammen aus kontrolliertem Anbau, entsprechen pharmazeutischen Qualitätsanforderungen und sind im Hinblick auf den Anteil der wichtigsten Cannabinoide standardisiert. 

Sie unterscheiden sich jedoch in ihrer Wirkstoffzusammensetzung und damit auch in ihrer Wirkung. Die neu eingerichtete Cannabisagentur des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ist zurzeit dabei, einen staatlich überwachten Cannabisanbau in Deutschland einzuführen. Bis dahin werden Cannabisblüten und -extrakte für medizinische Zwecke eingeführt.

Begleitstudie dokumentiert die Therapie

Jede Therapie mit Medizinal-Cannabis muss für eine Begleitstudie dokumentiert werden. Diese dient ausschließlich wissenschaftlichen Zwecken. 

Der Arzt informiert den Patienten vor der Erstverordnung über die Datenerfassung. Wenn dieser zugestimmt hat, übermittelt der Arzt anonymisierte Behandlungs-Daten an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). 

Sollte ein Arzt oder Patient die Beteiligung an der Begleitforschung verweigern, entfällt die Kostenerstattung durch die jeweilige Krankenkasse. Ziel der Begleiterhebung durch die Bundesopiumstelle im BfArM ist es, mehr über die Wirkung von Cannabis als Medizin zu erfahren. 

Zu den Patientendaten, die der Arzt weitergibt, zählen etwa Alter, Geschlecht und Diagnose des Patienten. Des Weiteren spielen vorherige Behandlungen ebenso eine Rolle wie die Begründung, warum Medizinal-Cannabis zur Therapie ausgewählt wurde. Darüber hinaus fragt die Begleitstudie ab, in welcher Dosis Cannabis verabreicht, inwieweit es vertragen wird und ob es die Lebensqualität verändert.

Die Begleiterhebung ist für einen Zeitraum von fünf Jahren nach Inkrafttreten des Gesetzes geplant. Wenn die Ergebnisse vorliegen und ausgewertet sind, wird darüber entschieden, ob oder in welchem Umfang Cannabis als Medizin eine Kassenleistung bleiben soll. 

Genehmigung durch die Krankenkasse

Vor Beginn einer Cannabis-Therapie muss die zuständige Krankenkasse die Kostenübernahme bewilligen. Die Krankenkasse zieht in diesen Fällen üblicherweise den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) zurate, um eine fachliche Einschätzung der Indikation zu bekommen. 

Eine Entscheidung muss schließlich innerhalb von drei, wenn eine Begutachtung durch den MDK erfolgt, innerhalb von fünf Wochen getroffen sein. Ablehnen kann die Krankenkasse einen Antrag lediglich in begründeten Ausnahmefällen. 

Wenn eine Cannabis-Therapie im Rahmen einer spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV nach § 37 b SGB V) erfolgen soll, beträgt die Genehmigungsfrist nur drei Tage. 

Wird die Therapie für einen gesetzlich Versicherten auf Privatrezept verordnet, entfällt eine Genehmigung durch die gesetzlichen Krankenkassen, da diese Kosten nicht übernommen werden.

Das korrekte Rezept

Bei der Rezeptprüfung sind folgende Informationen notwendig:

  • Ausstellungsdatum: Das Rezept muss innerhalb von sieben Tagen nach der Ausstellung in der Apotheke vorgelegt werden.
  • Angabe der Blütensorte: Die Cannabis-Sorte muss explizit genannt werden, da sich die Sorten in ihrem Wirkstoff-Gehalt unterscheiden. Eine reine Wirkstoffverordnung unter Angabe des THC-Gehalts ist nicht zulässig.
  • Dosierungsangabe: Wurde die Gebrauchsanweisung nur mit dem Hinweis “Gemäß schriftlicher Anweisung” auf dem Rezept kenntlich gemacht, so muss die Anweisung der Apotheke zusätzlich in schriftlicher Form vorliegen. Grund dafür ist die Kennzeichnungspflicht der Primärverpackung. Fehlt eine zusätzliche schriftliche Anweisung, darf die Rezeptur bis zur Klärung nicht hergestellt werden.
  • Arztstempel: Grundsätzlich darf jeder Arzt Betäubungsmittel verordnen – ausgenommen davon sind Zahnärzte und Tierärzte, die nicht berechtigt sind, Cannabis als Medizin zu verschreiben.
  • Menge/Höchstmengen: Die gesetzlich festgelegten Höchstmengen müssen eingehalten werden.

Ablehnungsquote 

Seit der Gesetzesänderung im März 2017 sind etwa 16.000 Anträge auf Kostenübernahme einer Cannabis-Therapie bei den gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland eingegangen.  (Stand: Februar 2018) Davon sind mehr als 60 Prozent genehmigt worden. 

Die vergleichsweise hohe Ablehnungsquote von rund 40 Prozent resultiert daraus, dass zum Teil auch bei banalen Diagnosen Cannabis-Therapien beantragt wurden, dass wirksame Therapie-Alternativen verfügbar  oder Anträge mitunter unvollständig waren. 

Aktuell ist im Gesetz lediglich von schwerwiegenden Krankheiten als Indikation für Medizinal-Cannabis die Rede. Diese Krankheiten mittelfristig und nach weiterer Forschung auch zu benennen, wäre wünschenswert. 

Das würde mehr Klarheit und Sicherheit für alle Beteiligten schaffen – für die verordnenden und begutachtenden Ärzte, für die Patienten und für die Krankenkassen, die die Kosten für die Cannabis-Therapie tragen müssen. 

Kosten einer Cannabis-Therapie 

Eine Cannabis-Therapie ist vergleichsweise kostenintensiv. So werden beispielsweise krebskranken Patienten meist drei Gramm Cannabisblüten pro Tag verordnet, die sie über eine Apotheke beziehen. 

Pro Gramm kosten Cannabisblüten etwa 22 Euro. Monatlich liegen die Kosten einer Therapie demnach zwischen 300 und 2.200 Euro. Eine alternative Opiattherapie wäre dagegen deutlich günstiger. 

Weniger kostenintensiv sind allerdings auch cannabishaltige Fertigarzneimittel und Dronabinol-Rezepturen. So bewegen sich die durchschnittlichen Kosten für Dronabinol im Monat zwischen 70 und 500 Euro, für Sativex® zwischen 31 und 373 Euro sowie für Canemes® zwischen 1.026 und 2.052 Euro.

Es sollte vorab genau geprüft werden, ob die verordnete Cannabis-Therapie als notwendig für den Patienten, als zweckmäßig in der Indikation und als vergleichsweise wirtschaftlich einzustufen ist.

Auf der einen Seite ist dies kontrolliertes und hochwertiges Medizinal-Cannabis in Form von getrockneten Blüten oder Extrakt, das über Apotheken zu beziehen ist. Auf der anderen Seite können Arzneimittel mit den Wirkstoffen Dronabinol oder Nabilon verschrieben werden. Dabei handelt es sich um die Medikamente Sativex® und Canemes® sowie Dronabinol, ein Rezepturarzneimittel, das Apotheken bei Bedarf individuell zubereiten.

  • Sativex® ist ein Mundspray, das in der Therapie von Patienten mit Multipler Sklerose eingesetzt wird. Zugelassen ist es für die Zusatzbehandlung von mittelschwerer bis schwerer Verkrampfung – der sogenannten Spastik – aufgrund von Multipler Sklerose. 
  • Canemes® ist eine Fertigarznei mit dem Wirkstoff Nabilon, die erwachsene Patienten bei Übelkeit und Erbrechen während der Chemotherapie bekommen, wenn Krebspatienten auf andere Behandlungsmöglichkeiten nicht ansprechen. Canemes® wird in Form von Kapseln oral eingenommen.
  • Dronabinol schließlich ist eine Substanz, die unter anderem gegen Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapien sowie gegen Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust bei HIV/AIDS-Patienten verordnet wird. Aber auch bei allen anderen Anwendungsgebieten kann Dronabinol im Rahmen des Cannabis-Gesetzes verordnet werden. In Deutschland steht Dronabinol lediglich als Rezepturarzneimittel zur Verfügung. Apotheker bereiten das entsprechende Medikament also individuell zu. Üblicherweise wird Dronabinol in Form öliger Tropfen oral eingenommen.

Apotheker bereiten das entsprechende Medikament also individuell zu. Üblicherweise wird Dronabinol in Form öliger Tropfen oral eingenommen. Welche Darreichungsform von Medizinal-Cannabis in der Therapie verordnet wird, entscheidet der Arzt.

Probleme bei der Dosierung

Wenn Patienten Cannabis als Fertigarznei einnehmen, lassen sich die Wirkstoffe gut dosieren. Etwas anders verhält es sich bei Cannabisblüten oder -extrakt. Die Menge der Wirkstoffe (Cannabinoide) sowie ihr Verhältnis zueinander variieren zwischen Pflanzensorten und Anbaugebiet sehr stark. 

Entsprechend schwieriger wird es für Apotheken, Ärzte und Patienten, die Wirkung zu kalkulieren. Eine Alternative könnte ein standardisierter Cannabisextrakt sein, der auf dem deutschen Markt aktuell jedoch noch keine Rolle spielt.

Applikation und Wirkung 

Prinzipiell können Patienten Medizinal-Cannabis in verschiedenen Formen einnehmen. Bei den Fertigarzneien geschieht die Aufnahme oral:

  • Sativex® ist ein Mundspray, das seine Wirkung über die Mundschleimhaut entfaltet.
  • Canemes® (Wirkstoff: Nabilon) wirkt als oral eingenommene Kapsel über den Verdauungstrakt. 
  • Dronabinol wird in Tropfenform peroral verabreicht. Der Körper nimmt es deshalb sowohl über die Mundschleimhaut als auch über den Verdauungstrakt auf.

Blüten müssen vorher erhitzt werden

Bei der Einnahme von Cannabis als Blüten oder Extrakt ist wichtig zu beachten, dass die Cannabinoide erst durch vorheriges Erhitzen wirksam werden. Üblicherweise inhalieren die Patienten die Wirkstoffe. Bei der Inhalation durch einen Verdampfer (Vaporisator) werden die Cannabisblüten erhitzt und verdampfen oberhalb von 185 Grad Celsius.

Durch das Erhitzen bilden sich freies THC sowie CBD und es entsteht ein inhalierbares Aerosol. In einem etwas aufwendigeren Verfahren kann alternativ nach dem Erhitzen – beispielsweise im Backofen – mit Hilfe von Öl ein Cannabisextrakt gewonnen werden, das ebenfalls oral eingenommen wird.

Möglich wäre schließlich auch, Cannabisblüten als Tee zuzubereiten. Allerdings hat diese Zubereitungsart einige Nachteile, weil sich die Wirkstoffe der Cannabisblüten nur sehr schlecht in Wasser lösen. Dadurch kann der Wirkstoffgehalt stark schwanken. Außerdem muss der Tee mit den Blüten recht lange kochen, damit eine entsprechende Dosis an Wirkstoffen in das Teewasser übergeht.

Es besteht Forschungsbedarf zu Medikationen

Wenn es darum geht, welche Verabreichungsform die geeignete ist, ergibt sich eine recht dürftige Forschungslage. Insgesamt fehlt es noch an einer ausreichenden Zahl kontrollierter Studien, die verschiedene Medikationen vergleichen. Darüber hinaus ist zu erforschen, wie die einzelnen Cannabinoide – auch in ihrem Zusammenspiel – genau wirken. So ist bereits beobachtet worden, dass etwa Dronabinol bei einigen Patienten weniger wirkt als Cannabisblüten.

Inhalation wirkt am schnellsten

Der Wirkeintritt der Cannabinoide aus den Blüten schwankt je nach Anwendungsart. Am raschesten tritt die Wirkung bei der Inhalation ein: Sie beginnt bereits nach wenigen Minuten und bleibt bis zu vier Stunden erhalten. 

Nach oraler Einnahme dauert es 30 bis 90 Minuten bis zur ersten spürbaren Wirkung. Sie ist nach etwa zwei bis drei Stunden am stärksten und verringert sich dann in einem Zeitraum von vier bis acht Stunden. 

Fest steht zudem, dass eine genaue Dosierung von Cannabisblüten stets schwierig ist. Medizinal-Cannabis in Form von Tropfen oder Kapseln lässt sich eindeutiger verordnen und besser dosieren.

Einschleichende Dosierung

Wie bei vielen anderen psychotropen Mitteln hängt es von der Dosis ab, ob mögliche unerwünschte Wirkungen in Cannabis-Therapien auftreten. Deshalb sollten entsprechende Präparate genauso wie Cannabisblüten oder -extrakt möglichst einschleichend dosiert werden.

Eine Therapie beginnt mit geringer Dosis, die langsam gesteigert werden kann. Auf diese Weise lässt sich die optimale individuelle Dosis ermitteln und das Risiko unerwünschter Wirkungen reduzieren.

Welche Dosis nötig ist, damit die psychoaktive Wirkung von Cannabis eintritt, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Arzneimittel mit den Wirkstoffen Dronabinol, Nabilon oder THC können zu den gleichen Nebenwirkungen führen. 

Auch wenn die Wirkungen von Cannabis als Droge und Cannabis als Medizin prinzipiell die gleichen sind, lassen sich Erkenntnisse dennoch nicht ohne Weiteres übertragen. Dies hängt mit dem Anteil der Cannabinoide sowie mit der Frage eines geregelten Gebrauchs zusammen. Darüber hinaus steht der Konsum von Cannabis als Droge oft auch in Verbindung mit dem Konsum weiterer illegaler Drogen und legaler Suchtmittel wie Alkohol und Nikotin.

Unterschieden wird zwischen akuten Nebenwirkungen und solchen, die nach einer längerfristigen Einnahme auftreten können. Alle akut auftretenden unerwünschten Wirkungen vergehen ohne spezifische Therapie im Allgemeinen innerhalb von Stunden bis zu ein bis drei Tagen.

Akute Nebenwirkungen

Die Wirkung von Cannabis wird überwiegend als angenehm und entspannend erfahren. Die Wahrnehmung verändert sich, die Schmerzempfindlichkeit sinkt und ein erhöhtes Wohlbefinden (“High”-Gefühl) tritt auf. Das Gefühl kann aber auch negativen Empfindungen weichen.

Zu den akuten Nebenwirkungen von Cannabis zählen Missstimmung bis hin zur Depression, Angst oder Panik, Halluzinationen oder das Empfinden eines Kontrollverlustes. Außerdem kann die akute psychoaktive Wirkung von Cannabinoiden Gedächtnisschwäche, verminderte psychomotorische oder kognitive Leistungsfähigkeit und eine gestörte Wahrnehmung zeitlicher Abläufe verursachen. Typisch nach Cannabiskonsum sind etwa Denkstörungen, die sich vor allem in ideenflüchtigem Denken äußern.

Zu den häufigen körperlichen Nebenwirkungen von Cannabinoiden gehören Müdigkeit, Schwindel, Tachykardie (Herzrasen), Blutdruckabfall, ein trockener Mund, eine verwaschene Sprache, ein reduzierter Tränenfluss, Muskelentspannung und ein gesteigerter Appetit. Seltene unerwünschte Begleiterscheinungen sind zudem Übelkeit und Kopfschmerzen. 

Die Wirkung von Cannabinoiden auf die Gefäße kann bei vorbelasteten Personen das Herzinfarktrisiko erhöhen. In Einzelfällen sind nach Cannabiskonsum kardiale Ischämien oder Herzinfarkte aufgetreten.

Über lebensbedrohliche Komplikationen oder gar Todesfälle nach einem medizinischen Einsatz von Cannabis ist bisher jedoch nicht berichtet worden. Auch nach Cannabisvergiftungen kam es nicht zu Todesfällen.

Nebenwirkungen nach längerfristigem Konsum

Nach einer länger dauernden Einnahme von Cannabis – auch bereits innerhalb von Wochen, zum Teil auch von Tagen – entwickelt sich meist eine sogenannte Toleranz.

Die Wirkungen auf die Psyche, die Beeinträchtigungen der Psychomotorik oder die Wirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem nehmen ab. Auch die Wirkungen auf das Hormonsystem, den Augeninnendruck oder gegen Brechreiz werden weniger. Diese Toleranzentwicklung ist eine Ursache dafür, dass Cannabis süchtig machen kann. Wer Cannabis über lange Zeit in sehr hohen Mengen konsumiert, läuft Gefahr, psychisch abhängig zu werden. 

Dies mag während einer Therapie bei einer schwerwiegenden Erkrankung unbedeutend sein, problematisch sind Entzugserscheinungen dennoch. Wie intensiv Entzugserscheinungen auftreten, hängt von der Dauer des Konsums ab. Sie sind vergleichbar mit denen, die auftreten, wenn jemand plötzlich mit dem Rauchen aufhört. Dazu gehören Schlaflosigkeit, Unruhe, Reizbarkeit, verminderter Appetit, Speichelfluss, vermehrte Transpiration oder Durchfall. 

Gefahr einer “Cannabis-Psychose”

In seltenen Fällen kann es nach einem längerfristigen Cannabiskonsum zu einer schizophrenen Psychose können. Dies zählt zweifellos zu den gravierendsten Nebenwirkungen und betrifft Menschen, die eine Prädisposition für solche psychischen Störungen haben. Cannabis kann also dazu führen, dass eine schizophrene Krankheit ausgelöst wird oder eine Psychose früher ausbricht. 

Diese “Cannabis-Psychose” ist bereits seit Langem bekannt. Aktuelle Daten deuten darauf hin, dass der Konsum von Cannabis das Risiko für Schizophrenie bei Erwachsenen verdoppeln kann. Bei einer therapeutischen Anwendung sind solche Störungen wie auch eine Abhängigkeitsentwicklung bisher nur selten beobachtet worden.

Cannabinoide können auch auf männliche wie weibliche Geschlechtshormone wirken. Bei Frauen wurden in Einzelfällen Zyklen ohne Eisprung, bei Männern eine Beeinträchtigung der Spermienbildung beschrieben.

Weitere Folgen des langfristigen Gebrauchs von medizinischem Cannabis lassen sich auf Basis der aktuellen Studienlage noch nicht abschätzen. 

Cannabis und Fahrtüchtigkeit

Aufgrund der beschriebenen Wirkungen kann Cannabis-Konsum die Fahrtüchtigkeit einschränken. Prinzipiell gilt: Wer unter Cannabis-Einfluss Auto fährt, begeht eine Straftat und verliert unter anderem den Führerschein.

Fraglich ist in diesem Zusammenhang allerdings, wie mit Patienten umgegangen wird, die Cannabis als Medizin bekommen. Die Bundesregierung hat dazu im April 2017 mitgeteilt, dass Cannabis-Patienten dann am Straßenverkehr teilnehmen dürfen, wenn sie in ihrer Fahrfähigkeit nicht eingeschränkt sind. Im Umkehrschluss heißt das: Patienten unter Medizinal-Cannabis dürfen kein Auto steuern, wenn sie das Cannabis nicht ordnungsgemäß eingenommen haben oder das Fahrzeug nicht sicher führen können.